Dekorative Kosmetik, Inspiration

Makeup-History 2: Die intellektuelle Berlinerin der 20er Jahre

> Foto findet ihr auf Wikipedia

Im zweiten Teil der geschichtlichen Makeup-Inspirationen springe ich gleich mal ein paar Jahrhunderte nach vorne, in die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts. Das Frauenbild hat sich sehr verändert und dementsprechend auch die bildliche Darstellung von Frauen.

Auf dem Bild von 1926 ist die Journalistin Sylvia von Harden abgebildet. Sie war eine Journalistin und Intellektuelle, die 1933 nach England emigrieren musste. Als der Maler Otto Dix sie auf der Straße in Berlin sah, rief er angeblich aus: „Ich muss Sie malen! Ich muss! Sie repräsentieren eine ganze Zeitepoche!“

Otto Dix, von dem das Bild stammt, ist einer meiner Lieblingsmaler und vielleicht der bekannteste Vertreter des Stils „Neue Sachlickeit“. Er lebte von 1891-1969 in Deutschland und schuf neben Ölbildern eine beachtliche Menge an Zeichnungen.

Nach seinen Kriegserlebnissen im 1. Weltkrieg verschrieb er sich dem realistischen Malstil. Er scheute sich nicht davor, Hässlichkeit und Elend der Nachkriegszeit darzustellen. In seinen Bildern portraitierte er die Gesellschaft der Weimarer Republik. Im 3. Reich wurde er als entartet verboten und ging in die innere Emigration.

Für Otto Dix stellte Sylvia von Harden eine emanzipierte Intellektuelle dar, die fortschrittliche Frauen ihrer Zeit repräsentierte. An ihrem Bild wird deutlich, dass sich das Rollenverständnis der Frau nach dem 1. Weltkrieg stark gewandelt hatte.

Sylvia von Harden sitzt alleine in einem Café, sie raucht und trinkt Alkohol. Sie trägt ein bequemes, kurzes Sackkleid und benutzt sogar ein Monokel. Der einzige Schmuck ist ein großer Ring. Die Haare trägt sie kurz, womit sie sich deutlich von den damals üblichen, weiblichen Steck- und Zopffrisuren absetzt. All diese Attribute waren bis dahin Männern vorbehalten.

Der Bubikopf wurde zum Symbol. Frauen schnitten sich erstmals in den 20er Jahren die Haare ab und trugen sie kurz wie ein Mann. Sylvia von Hardens Bubikopf hatte einen tiefen Seitenscheitel, die Haare waren glatt. Das längere Deckhaar frisierte sie seitlich über die Stirn zum Pony. Die Ohren blieben frei. Eigentlich ziemlich modern, oder? Ich musste direkt an die typischen Mod’s Hair-Haarschnitte denken.

Das Makeup dazu ist ein klassischer Statement-Look: Die Augen werden nur mit etwas beige-rosa Lidschatten und wenig Mascara geschminkt. Die dunklen Augenbrauen sind nicht zu dünn, aber akkurat in Form gebracht. Der Teint ist hell und fast gar nicht durch Rouge konturiert. Hervorstechender Eyecatcher ist der dunkelrote, matte Lippenstift.

Beim Portrait der Journalistin wird deutlich, dass Otto Dix nicht den viel beschworenen Glanz der 20er Jahre propagierte. In den überzeichneten Zügen (Augenringe, Nasolabialfalten) kann man die Entbehrungen der Journalistin ablesen. Für mich hat sie etwas Müdes, Abgekämpftes und Distanziertes im Blick.

Es geht auf dem Bild nicht darum, ein liebliches Schönheitsideal einer Frau darzustellen. Im Gegenteil, die kritischen Züge und die intellektuelle Geisteshaltung werden betont. Die typische Protagonistin der Epoche wird nicht mehr auf ihre reine Weiblichkeit (was man so allgemein darunter versteht) reduziert.

Für mich sind kluge und unabhängige Frauen wie die Journalistin Sylvia von Harden ein Vorbild. Gleichzeitig bin ich aber sehr froh, dass ich nicht so abgekämpft aussehen muss. Einerseits haben sich zum Glück die Umstände in der Gesellschaft sehr verändert. Auf der anderen Seite habe ich für mich beschlossen, mein Leben mehr zu genießen und mich nicht mehr ausschließlich von äußeren Anforderungen leiten zu lassen. Und das sieht man mir seit einiger Zeit auch an 🙂 .

Das Bild hängt im Musee National d’Art Moderne, dem Centre Georges Pompidou, in Paris.

Mögt ihr den Look? Was haltet ihr von solchen Statement-Makeups? Vielleicht kennt ihr das Bild schon? Wie steht ihr zu kurzen Haaren bei Frauen? Tragt ihr eigentlich Brille?

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11 thoughts on “Makeup-History 2: Die intellektuelle Berlinerin der 20er Jahre
  • Naekubi sagt:

    Ich finde, dass kurze Haare auch heute noch ein Statement abgeben. Hinter kurzen Haaren kann man sich nicht so gut verstecken, man liegt eher auf dem Präsentierteller.

    Andererseits bin ich auch froh, dass kurzes Haar bei Frauen normaler geworden ist, und dass man den Kampf für Individualität und auch mit wallender Mähne führen kann.

    Ich kenne einige Werke von Dix, aber nicht dieses Portrait. Der Look ist nicht direkt schön, aber doch aufregend, interessant. Danke fürs Vorstellen!

    • beautyjagd sagt:

      Ja, auf dem Bild von Sylvia von Harden ist alles ein Statement: Haare, Makeup, Haltung. Das Makeup, der klassisch betonte Mund, gefällt mir schon gut. Nicht für jeden Tag, aber manchmal habe ich Lust darauf 🙂

  • la pop sagt:

    Ich finde das Bild wirklich zeitgemäß. Das Eigensinnige gefällt mir besonders gut. Und die großen Hände sind der Hammer. Sieht man am rechten Bein eigentlich so eine Art Gummiband/eine Halterung vom Strumpf? Das hat so was lässig Nachlässiges 🙂

  • Andreea sagt:

    Ich liebe Otto Dix, ich habe fast den gleichen Haarschnitt wie auf dem Bild und ich trage eine Brille. Muss ich noch mehr sagen?! 😉
    Ich schminke mich aber eben ander herum – dunkle Augen,heller Mund. Blass bis bleich, kein Rouge.
    Wenn der modsiche Still der 20er jahre sehr schön ist, bin ich froh im heutigen Mittelklasse Komfort zu leben. Ich sähe sonst genau so abgehärmt aus, nur wahrscheinlich hätte ich damals keinen Beruf gehabt oder gar Schule.

    • beautyjagd sagt:

      Du hast ja wirklich einen sehr ähnlichen Haarschnitt, sehr sehr cool. Ích habe gerade mal auf deinem Blog geguckt. Steht Dir super 🙂 !

  • Wieder grobes Lob für diese geschichtlichen Einwürfe. ich mag Geschichtliche „Reportgen“ in Häppchen Form. Mir gefällt es in eine andere Welt einzutauchen. Du schaffst es auch hier mich auf eine Reise mitzunehmen – Vielen Dank dafür!

    Über die Neue Sachlichkeit musste ich in der Schule mal ein Kurzreferat halten. Geschrieben habe ich über Irmgard Keun und ihr Werk „das kunstseidene Mädchen“..
    Warm werde ich nicht mit der Zeit (gemeint ist: ich werde nicht leidenschaftlich wenn ich darüber rede) aber durch die Geschichte „des kunstseidenen Mädchens“ habe ich erst an diese Welt herankommen können, warum auch immer mir das schwer fällt. Ebenfalls hat es mir gezeigt wie wichtig Veränderungen für Frauen sind & es zu dieser Zeit waren. Doris die Protagonistin ist ein großes Vorbild für mich, weil sie trotz auswegslosigkeit kämpft. So sehe ich das..

    Dein Beitrag spiegelt dies wieder & zeigt wie wichtig Der Wandel der Frau ist. Das make up zeigt uns ein Stück Seele dieser Journalistin und macht es, in meinen Augen, möglich sich in diese Zeit zurück zu versetzen..
    Bedauerlich ist das viele Künstler unterdrückt wurden wie du schon angesprochen hast. Ich glaube sonst hätten wir noch viel mehr Material zum eintauchen in neue Welten

    • beautyjagd sagt:

      Echt schön, dass dich der Artikel so angeregt hat 🙂 . Ich hatte (warum auch immer) schon als Teenagerin einen inneren Zugang zur Neuen Sachlichkeit und total begeistert von diesem Stil. Mir geht es übrigens auch häufig so, dass mir Geschichten (wie bei dir das kunstseidene Mädchen) ganz neue Kanäle zu Bildern/Kunst eröffnen. Ich habe so mit 15 die Biographie von Rosa Luxemburg gelesen und deren Leben hat mich auch sehr beeindruckt. Vielleicht habe ich ihre Geschichte dann mit den Bildern verknüpft.
      Und ich finde auch, dass Makeup immer eine Ausdrucksform ist. Sylvia von Hardens Look ist definitiv ein Statement, das auch heute noch verstanden wird. Ich liebe es übrigens auch, in neue Welten einzutauchen, deswegen bin ich auch immer so neugierig, neue Sachen auszuprobieren 😉 🙂 .

  • Barbarella sagt:

    schau mal, julie, das habe ich heute bei „do you read me“ in der auguststraße auf einem buch-cover gesehen, dann stieß ich eben ‚ganz zufällig‘ auf diesen post von dir und finde, die zwei damen passen hervorragend zusammen, oder?

    August Sander: Sekretärin beim Westdeutschen Rundfunk in Köln, 1931
    http://www.1fmediaproject.net/new/wp-content/uploads/2010/10/Sander.RadioSecretary.jpg

    diese frauen damals sind doch wirklich zum steinerweichen cool gewesen!

    • beautyjagd sagt:

      So eine Sekretärin beim WDR wäre ich gern gewesen! Sie sieht toll aus. Und sowohl sie als Sylvia von Harden waren ja auch in der gleichen Branche unterwegs. Journalistinnen sind eben cool 😉 .

  • Gitte sagt:

    Die hatten damals auf jeden Fall Stil, da kann frau nix sagen.