Naturkosmetik Statement

Die Tyrannei der Feuchtigkeitscreme?

Na, welche Gedanken kamen euch bei der Überschrift dieses Blogposts in den Sinn? Ich musste etwas schmunzeln, als ich Ende letzten Jahres in Paris „La Tyrannie de la Crème Hydratante“ (auf Deutsch: die Tyrannei der Feuchtigkeitscreme) auf dem Titel der Zeitschrift Causette las – und kaufte mir deshalb aus Neugierde die Dezember-Ausgabe 2019 des feministischen Magazins. Ich wollte wissen, was mit dem durchaus etwas reißerisch formulierten Titel gemeint war.

Worum es in dem Artikel geht

Ich ahnte natürlich schon vorher, dass der Artikel der Kosmetikindustrie eher ablehnend gegenüberstehen würde. Und damit lag ich richtig: Im Text wird hinterfragt, ob man eine normale Haut tatsächlich täglich eincremen muss oder ob das nur eine ausgedachte Strategie der Kosmetikindustrie sei. Im Text werden mehrere Hautärztinnen und Expertinnen zitiert, die bestätigen, dass man bei normalen Hautzuständen auch ohne eine Feuchtigkeitscreme auskommt. (Kleine Nebenbemerkung von mir: Dazu passt ja übrigens auch der aktuelle Trend Skin Fasting, bei dem man für eine gewisse Zeit auf jegliche Pflege verzichtet.)

Weiter steht im Artikel, dass es manchmal sogar schädlich sein könne, zu viel Feuchtigkeit auf die Haut zu bringen. Außerdem sei der Mix an Inhaltsstoffen in einer Creme nicht immer unbedingt förderlich für die individuelle Hautbarriere. Ich musste dabei vor allem an einige Konservierungsstoffe denken, die die Hautflora durcheinander bringen können – deswegen ist es in meinen Augen so wichtig, gut formulierte Produkte auszuwählen.

Laut der im Artikel zitierten Umfrage verwenden 88% der Französinnen eine Hautcreme im Gesicht, 73% davon täglich. Der Anteil der französischen Männer, die täglich eine Creme verwenden, ist hingegen deutlich niedriger. Männer unterliegen ganz offensichtlich weniger der Tyrannei der Feuchtigkeitscreme: Der Druck „jung und schön“ sein zu müssen, ist für Frauen leider noch immer deutlich stärker als für Männer.

Was Kosmetik für mich bedeutet

An diesem Punkt muss ich nun ein bisschen ausholen – aber keine Sorge, ich komme gleich zurück zur Tyrannei der Cremes. Schon seit den Anfängen meines Blogs denke ich darüber nach, ob man als Feministin eigentlich Kosmetik lieben und einen Beauty-Blog führen „darf“. Oder fördere ich damit etwa antiquierte Rollenbilder?

In einem Blogpost aus 2012 berichtete ich davon, dass ich mich lange für meine Beauty-Leidenschaft geschämt habe. Mitterweile stehe voll und ganz dazu: Mich beschlich sogar in den letzten Jahren öfter das Gefühl, dass Beauty als Thema gerade auch deswegen abgewertet wird, weil es eben als „weiblich“ betrachtet wird. Weshalb sollte ich das Thema Kosmetik weniger ernster nehmen als „männlich“ konnotierte Themen wie Sport oder Technik?

In meinen Augen unterstützt der Artikel in der Causette – am Beispiel der Feuchtigkeitscreme –  leider genau das Klischee, dass Kosmetik und das („weibliche“) Interesse dafür wertlos sind. So schade, denn für mich ist Kosmetik viel mehr als nur eine reine Schönheitspflege: Mit Neugierde erforsche ich Inhaltsstoffe und Formulierungen – und lerne dabei viel über Firmenphilosophien, die mich wiederum zum Nachdenken und Finden meiner eigenen Haltung anregen.

Dazu spiegeln Beauty-Produkte gesellschaftliche Entwicklungen wider: Wenn Foundation in Deutschland nun auch in dunkleren Farbtönen angeboten wird, sagt das einiges darüber aus, dass Vielfalt endlich in der Gesellschaft als Thema angekommen ist (Stichwort Diversity). Auch der Aufschwung der Naturkosmetik oder der veganen Kosmetik in den letzten Jahren sind eng mit dem gestiegenen Umweltbewusstsein in unserer Gesellschaft verbunden. Schon aus diesem Grund liebe ich das Thema Kosmetik!

Die Tyrannei der Feuchtigkeitscreme?

Nach diesem Schlenker nun aber zurück zur Tyrannei der Feuchtigkeitscreme: Ich habe glücklicherweise keineswegs das Gefühl, dass ich täglich eine Creme auftragen „muss“, weil ich sonst hässlich oder ungepflegt aussehen würde. Für mich ist es ein Teil meiner Kultur – so wie ich ein gutes Essen genieße, setze ich meine liebsten Kosmetikprodukte ein: Während der Anwendung erfreue ich mich an der raffinierten Formulierung oder an den ausgewählten Wirkstoffen, reise gedanklich ein bisschen durch die Welt (je nachdem, wo das Produkt herkommt) – und bin froh, dass meine Haut mit einer Pflege nicht so trocken ist und sich gut anfühlt. Ich habe in den letzten Jahren gelernt, auf die Bedürfnisse meiner Haut zu achten. Abgesehen davon gibt es ja auch Hautzustände, die sich ohne lindernde Cremes kaum ertragen ließen.

Ich habe jedoch keineswegs eine rosa Brille auf: In der Kosmetikindustrie wird auch einiger Unsinn gemacht. Ein Beispiel dafür sind die ewigen Themen Anti-Aging oder Cellulite, bei denen Frauen eingeredet wird, dass sie nur jung aussehend attraktiv seien. Für mich hört der Spaß immer dann auf, wenn mit solchen Ängsten gespielt wird. Erfreulicherweise ändert sich hier aber in der letzten Zeit einiges. So hat z.B. das amerikanische Beauty-Magazin ‚Allure‘ das Wort „Anti-Aging“ ganz aus dem Wortschatz verbannt.

Grundsätzlich finde ich es gut, dass die Causette das Verhältnis von Kosmetik und Frauen hinterfragt. Ich hätte es jedoch deutlich spannender gefunden, wenn der Artikel nicht ganz so eindimensional ausgefallen wäre. Schön wäre es gewesen, wenn sich die Causette differenzierter mit der Anziehungskraft von Kosmetik auf Frauen auseinandergesetzt hätte. Denn selbstverständlich ist ein tägliches (zwanghaftes) Eincremen für eine gesunde, normale Haut nicht überlebensnotwendig. Aber auch ein guter Wein oder bildende Kunst sind schließlich nicht dafür da, das Überleben eines Menschen zu sichern 😉 – bereichern aber das Leben ungemein.

Eine andere Möglichkeit wäre es gewesen, das Thema von wissenschaftlicher Seite anzugehen: Wie könnte man die eigene Hautflora fördern, welche Stoffe / Konservierungsstoffe wären in dieser Hinsicht in Kosmetik zu vermeiden oder wie hängen eigentlich z.B. Psyche, Stress, Nervensystem und Haut zusammen und welche Ansätze gibt es hier im Bereich der Kosmetik? Hier gäbe es durchaus von spannenden Erkenntnissen zu berichten, die sicherlich auch kritische Leserinnen interessieren könnten.

Mich macht es nachdenklich, dass das Thema Beauty offenbar weiterhin ausschließlich im Zusammenhang mit dem Zwang zur Selbstoptimierung gesehen wird, dem vor allem Frauen ausgesetzt sind (und Kosmetik damit irgendwie insgesamt abgewertet wird). Ich wünsche mir einen selbstbestimmteren, lebensfreudigeren und vor allem umfassenderen Ansatz beim Umgang mit dem Thema Kosmetik – und definitiv weniger Tyrannei.

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