Reise

Tokyo Tagebuch 12: Bei Tower Records in Shibuya

chelsea movement tower records

Offensichtlich eignen sich meine Reisen nach Tokyo, über bestimmte Punkte in meinem Leben nachzudenken. Am Samstag hatte ich wieder so einen persönlichen Tokyo-Moment, der mich wie auf meiner letzten Reise beim großen Buddha in Kamakura völlig unerwartet erwischte. Und damit ich meine neue Erkenntnis nicht vergesse, mache ich nun einen Post für mein Tokyo Tagebuch daraus.

Ort des Geschehens: Der berühmte Tower Records Store in Shibuya, ein Eldorado für Musikliebhaber (insbesondere in den 90er Jahren entstanden dort viele Musiktrends). Ich gondelte durch die Abteilungen J-Pop, K-Pop und J-Punk, hörte hier und da in eine CD hinein und kam schließlich ins Erdgeschoss. Dort war anlässlich des internationalen Record Store Days ein DJ-Pult aufgebaut, gerade war das japanische Dancehall Sound System Chelsea Movement an der Reihe und legte auf.

Unmittelbar und mit großer Intensität fühlte ich mich an die Zeit erinnert, als ich mit Anfang bis Mitte 20 viel zum Tanzen ausgegangen bin und gern Jungle, Drum’n’Bass und Dancehall gehört habe (das war Mitte der 90er Jahre). Besonders fasziniert hatte mich schon immer das Toasting, also der rhythmische Sprechgesang des MCs. Wie gerne hätte ich das damals selbst gemacht, aber es erschien mir für mich als einfach nicht machbar oder möglich. Weswegen ich es damals noch nicht einmal ausprobiert habe.

Definitiv eine verpasste Chance, dachte ich mit einigem Bedauern, als ich bei Tower Records dem japanischen MC von Chelsea Movement eine ganze Weile lang zugehört hatte. Wieso war ich damals eigentlich so mutlos, ließ mich von meinen eigenen Grenzen im Kopf beschränken? Schließlich war ich doch jung!

Ich beschloss noch bei Tower Records, mir keinesfalls mehr so schnell in meinem Leben den Schneid abkaufen oder mich entmutigen zu lassen. Denn was hatte ich davon gehabt, dass ich brav war, lieber das getan habe, was alle gemacht haben – ich fürchte: nichts!

Mittlerweile habe ich mir glücklicherweise so einiges getraut, was andere und vor allem ich selbst früher für unmöglich gehalten haben. Und so soll das auch weiter gehen, denn wer weiß, was alles möglich ist, wenn man es denn wenigstens mal ausprobiert… 🙂

Ich teile diesen persönlichen Moment in meinem Tokyo Tagebuch auch deswegen, weil ich jeder von euch zusprechen möchte, noch mutiger zu sein und eure eigenen Bedürfnisse Ernst zu nehmen. Wie auch immer sie aussehen mögen!

So, und jetzt wisst ihr, wovon ich mit Anfang 20 geträumt habe 😉 . Und ihr?

Teile diesen Beitrag:

33 Kommentare

  1. Fayet sagt am 23. April 2014

    Fortuna favet fortibus, liebe Julie – das Glück ist mit den Mutigen. Jedenfalls habe ich mir das immer gesagt, wenn ich meine Koffer gepackt habe und in die Ferne gezogen bin. Das habe ich mich aber auch erst mit Mitte 20 getraut. Mittlerweile ist es eines meiner liebsten Lebensmottos geworden. Nicht Hals-über-Kopf, aber wenn etwas gut durchdacht ist: nur wer wagt gewinnt.

    Vielen Dank, das Du diesen spannenden Moment mit uns geteilt hast! Und warum nicht noch eine zweite Karriere als MC starten? 🙂

    • Annamo sagt am 23. April 2014

      Das ist ein tolles Motto, Fayet! Hab ich mir gleich mal aufgeschrieben 🙂

    • beautyjagd sagt am 23. April 2014

      Tja, am Samstag dachte ich mir es auch 🙂 – aber da ich nun nicht mehr so nachtaktiv bin, wäre das nichts mehr für mich. Vielleicht finden sich aber andere Wege, einen ähnlichen Wunsch umzusetzen.

  2. Das ist ja Mal wieder erstaunlich. Im Moment geht mir auch durch den Kopf was ich so alles habe sein lassen als mir noch alle Möglichkeiten offen standen. Übersetzerin wollte ich werden. Nach Australien und Kanada reisen. Sängerin und Greenpeace-Aktivistin auch noch.
    Allerdings kann man davon ja noch einiges in die Tat umsetzen!
    Vor zwei Jahren sind wir durch einen beruflichen Wechsel meines Mannes bedingt umgezogen. Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sage: Das war das Beste was mir passieren konnte. Ich habe lange gehadert und vergangene Freundschaften betrauert. Aber vor kurzem ist mir klar geworden, dass sich überall Möglichkeiten ergeben. Ich habe hier Freunde gefunden, war gezwungen mir einen neuen Job zu suchen, bei dem zwei Kinder endlich keine hochgezogenen Augenbrauen hervorrufen. Außerdem sind wirklich gute Freunde geblieben 🙂
    Vielen Dank für Deinen Post zur richtigen Zeit.

    • beautyjagd sagt am 23. April 2014

      Manchmal sind Krisen das beste, was einem passieren kann. Das erkennt man auch oft erst in der Rückschau.
      Und mir tut es gut, gelegentlich an meine früheren Träume erinnert zu werden. Einer meiner Träume mit zehn war es ja, ein Magazin zu schreiben – und im Grunde mache ich das nun auch 🙂

  3. Ellalei sagt am 23. April 2014

    Da hast du ja etwas angesprochen … ich bin leider nach wie vor ein Angsthase und schon weit jenseits der 20er.
    Deine Geschichte klingt zwar nach einer verpassten Chance wie du schreibst, aber allem Anschein nach brauchtest du erst einige Erfahrungen, um dich mehr zu trauen. Hätte, wäre, wenn – das sage ich mir nicht mehr. Immerhin 😉 Denn ich glaube daran, dass alles seine Zeit hat. Klar ärgert man sich manchmal und ist traurig, einen Moment wie diesen ungenutzt verstreichen lassen zu haben. Doch wer weiß wofür es gut war? Vielleicht solltest du gerade jetzt rückblickend erkennen, wie viel du mittlerweile gelernt und dich entwickelt hast.
    Mut ist zweifelsohne eine tolle Eigenschaft. Das merke ich oft in Konflikt- und Prüfungssituationen, denn hinterher fallen mir all die Dinge ein, die ich hätte sagen sollen oder wollen. Statt dessen lasse ich mir zu viel gefallen oder bleibe artig. Doch ich bin eben nicht dieser „freche“, selbstsichere und schlagfertige Mensch. Das musste ich auch erst lernen zu akzeptieren. Dennoch möchte ich mich in bestimmen Charakterzügen bremsen und andere dafür „ausbauen“. Doch ängstlich werde ich ein Stück weit wohl immer bleiben.

    Danke dir für deine Geschichte! An dir bewundere ich den Mut, der sicher nötig war um deine Leidenschaft zum Beruf zu machen. Solch inspirierende Vorbilder sind für die eigene Entwicklung enorm hilfreich! Hast du auch solche Vorbilder oder Helden?

    • beautyjagd sagt am 23. April 2014

      Ich bin auch immer noch ängstlich in einiger Hinsicht! Aber Schritt für Schritt befreie ich mich langsam, das merke ich immer mehr. Auch meine Reisen nach Tokyo haben definitiv Grenzen in meinem Kopf verschoben.
      Und Vorbilder habe ich eigentlich nicht, vielleicht am ehesten in Teilen. Also zB die Modejournalistin Suzy Menkes, die mir frei und unabhängig erscheint – und mit 70 noch einen neuen Job in London angetreten hat.

      • Ellalei sagt am 23. April 2014

        Mit 70?! Das ist toll. Ich müsste wohl zig Leben haben um all meine beruflichen Ideen auszuleben 😉 Einiges habe ich schon gemacht, mein Lebenslauf ist alles andere als geradlinig. Manches verlagere ich aber lieber ins Private. Da müsste bzw. will ich bald mehr Mut (oder eher Ansporn) haben endlich wieder zur Gitarre zu greifen, um meiner Kleinen Musik näher zu bringen.

        Diese Reise öffnet den Blick für vieles sicher nochmal ganz neu, das kann ich mir total gut vorstellen. Auch wenn ich nicht viel reise, ging es mir jedes Mal auch so, dass ich völlig verändert heim kam.

        Übrigens hat mich dein Reiseziel heute kulinarisch „verfolgt“. Das bereits angesprochene Onigiri kostete ich heute Vormittag bei LPG, mit Avocado, Koriander und Limette – yammi!!! Auch wenn die Soyasoße gewohnheitsmäßig gefehlt hat.
        Und abends kam spontan ein Essen in einem neuen kleinen japanischen Lokal zustande (Raumerstr. Ecke Pappelallee im Prenzlauer Berg). Dort gibt es, fast ausschließlich, eine Art Pfannkuchen. Japanische Pizza steht auf dem Schild vor dem Laden (und drunter: Sorry no Sushi ;-)).
        Okonomiyaki – das kann ich mir im Leben nicht merken – ist voll lecker und reichhaltig. Nächstes Mal koste ich die scharfe Variante, was bedeutet, dass oben auf dem richtig dicken Pfannkuchen eine pikante rote Soße drauf ist. Ich hatte das Original, erinnert an die süße Version von Worcestershiresauce. Hast du in Tokio sicher auch gegessen oder bist du Vegetarierin? Fisch ist wohl immer drin glaube ich.
        Auf jeden Fall habe ich heute ein für mich bislang neues kulinarisches Stück Japan kennengelernt und freue mich sehr über diese Entdeckungen. In diesem Sinne dir schöne letzte Stunden, falls du nicht schon abgedüst bist.

        Liebe Grüße

      • beautyjagd sagt am 24. April 2014

        Wow cool, Okonomoniyaki Berlin, das ist großartig! Ich habe es hier auch gegessen, war toll. Als Topping hatte ich Natto gewählt, eine Art Tofu.
        Und ja, ich genieße hier gerade meine letzten Stunden, gleich gilt es Abschied zu nehmen von der großen Stadt.

  4. Petrina sagt am 23. April 2014

    Denke das Mut zum „Entfalten“ einen Hauch von Sturheit und Unabhaenigkeit braucht 🙂 und davon habe ich heute noch genug, lach. Bin in jungen Jahren ausgewandert nach Brasilien und hoerte von allen Seiten „hoffentlich kommst du da wieder lebendig raus“ war schlussendlich froh im Flugzeug zu sitzen und meinen Schritt gewagt zu haben. Ich ziehe heute noch von den schoenen, positiven Eindruecken die ich in diesem wundervollem Land erlebt habe. Wir leben nur einmal und jeder Mensch sollte sich einen gesunden, positiven Egoismus aneignen, sich seine Wuensche erfuellen, es einfach wagen auch wenn Freunde, Verwandte, Familie anderer Meinung sind.

    Ich mag deine Post, danke dafuer, regt schoen zum Nachdenken an und man schweift mit seinen Gedanken etwas in die Zukunft zurueck.

    • beautyjagd sagt am 23. April 2014

      Wow, nach Brasilien ausgewandert! Das hätte ich mir früher nie getraut, das sieht jetzt schon etwas anders aus *lach*. Und ich denke auch, dass man nur ein Leben hat – und ich seit einiger Zeit immer mehr die volle Verantwortung dafür übernehme.

  5. Trickster sagt am 23. April 2014

    Nicht mit Anfang 20, sondern als Teenager noch – mit 17 oder 18 Jahren kam ich auf meinen Eltern zu und sagte, ich würde gerne Grafikdesign studieren. Sie taten es mit „brotlose Kunst“ ab und ich ließ mich davon abhalten. Erst 20 Jahre später gelangte ich dorthin, wo ich hin wollte und in dem Bereich hat man es als „ältere“ Person nicht mehr so einfach. Ich lebe ja sonst nach dem Motto, dass ich mir denke, es ist schon gut so, wie es kam, aber diesen einen Punkt hätte ich gerne verändert, wenn ich könnte!

    • beautyjagd sagt am 23. April 2014

      Das kann ich gut verstehen! Ich denke auch öfter darüber nach, weil ich meist mit Abstand die älteste Bloggerin bei Veranstaltungen bin. Natürlich fühlt sich das manchmal etwas seltsam an, aber mittlerweile sehe ich auch, dass ich meine bisherige berufliche Erfahrung sehr gut einsetzen kann und schätze sie wieder mehr. Bin halt ein Spätzünder 🙂

  6. norico sagt am 23. April 2014

    Ich denke, es ist nie zu spät. Lebe dein Leben, lebe deine Träume.

    • beautyjagd sagt am 23. April 2014

      Ich denke auch, dass es (fast) nie zu spät ist – wenn man wirklich etwas will, werden sich nach einer Weile Wege dafür öffnen 🙂

  7. Queenie sagt am 23. April 2014

    Schön, dass Du so etwas Persönliches mit uns teilst, danke dafür! Ich muss sagen, ich selbst hatte mit 20 das Gefühl, mir steht die Welt offen, und ich habe das für mich durchaus genutzt. Wobei das jetzt nicht heißt, dass ich viel gereist bin oder so, aber es passte einfach alles, und alle Entscheidungen waren irgendwie richtig. Und wenn nicht, dann habe ich daran etwas geändert. So habe ich ein paar Dinge im Lebenslauf, die sicher nicht unbedingt konventionell sind, auf die ich aber stolz bin, weil sie mich zu dem gemacht haben, was ich bin.

    Dass ich mit 40 Jahren nochmal studieren gehe, hätte ich auch früher nicht gedacht. Aber nicht, weil ich mich nicht getraut hätte, sondern eher, weil man ja doch eine gewisse finanzielle Sicherheit gewohnt ist. Aber auch das geht irgendwie, wobei mich mein Mann da natürlich sehr unterstützt. Wenn er „nein“ gesagt hätte, hätte ich auch umdenken müssen.

    Hm, ich muss sagen, dass ich doch vom Schicksal recht sanft angefasst wurde bis jetzt. *aufHolzklopf* Ansonsten würde ich sagen, dass man manchmal einfach mehr auf seinen Bauch hören sollte…ich jedenfalls fahre immer gut damit!

    • beautyjagd sagt am 23. April 2014

      Teils dachte ich auch, dass mir mit 20 die Welt offen steht – aber andererseits hatte ich auch das Gefühl, sofort Erfolg haben zu müssen etc. Das hat mich dann doch sehr daran gehindert, mich freier zu entfalten.
      Und ich finde es super, dass Du jetzt „noch“ studierst!

  8. Petra sagt am 23. April 2014

    Hätt‘ der Hund nicht, wär er’n Hase…

    Wenn ich heute sehe, wie umsichtig und zurückhaltend du in deinem Blog formulierst, mit Fotos umgehst oder auch mit Kontroversen, kann ich dir mich nicht wirklich als „Rampensau“ vorstellen – nicht mangels Selbstvertrauen, sondern weil ich dich nicht für den Typ halte, der sich selbst für den Mittelpunkt der Welt und sowieso absolut unwiderstehlich hält und das dann der Welt auch noch lautstark toastend mitteilt.
    Vielleicht war das keine verpasste Chance, sondern einfach ein Nein auf dem Weg zum Ja zur richtigen Sache zur richtigen Zeit.

    Wer wünscht sich nicht, ab und zu die andere Tür genommen zu haben, aber auf der anderen Seite – wer weiß, wo du dann jetzt wärst. Vielleicht in deinem Strandhaus in Kingston, vielleicht aber schwer bekifft in irgendeiner abgeranzten Kneipe in Neukölln 😉

    Deine Jas und Neins haben dich doch dahin gebracht, wo du jetzt bist – selbstbestimmt das Hobby zum Beruf gemacht; selbstbewusst heute in Tokio, morgen in Nürnberg und übermorgen in Paris; mit deinem eigenen Blog; qualifiziert und viel zitiert als „Institution“ i. S. Naturkosmetik; ernst genommen von Fachleuten und Verbrauchern…

    Also ich finde deinen aktuellen Standort gar nicht so schlecht 🙂

    • beautyjagd sagt am 24. April 2014

      Danke schön! Ja, meinen momentanen Stand finde ich auch super, kann auch noch besser werden, aber das wird schon noch 🙂
      Hihi, als Kifferin wäre ich sicher nicht geendet, das passt so gar nicht zu mir. Aber mir ging es bei meinem Bedauern einfach darum, dass ich in meiner Jugend durchaus hätte mal mehr „Unsinn“ machen können. Eine Rampensau im eigentlichen Sinne bin ich tatsächlich nicht, aber ich mag es sehr gern, auf dem Podium zu sitzen oder eine Präsentation zu halten. Dafür muss man auch gar nicht unbedingt „laut“ und „aufdringlich“ sein 😉

  9. Herrlich, dein Traum von damals 🙂

    Ich muss gestehen, dass ich keinen besonderen oder erwähnenswert lustigen Traum Anfang/Mitte 20 hatte, ich fand mein Leben damals genau so gut, wie ich es lebte. Ich habe mein Studium abgeschlossen, welches genau das war, was ich machen wollte. Ich konnte nach meiner Diplomarbeit für ein halbes Jahr nach Amerika für BMW gehen und hatte die Zeit meines Lebens, danach einen guten ersten Job in meiner liebsten Wahlheimat München – ich habe nichts anderes zu dem Zeitpunkt gewollt. Klingt ein bisschen langweilig, aber es hat so gepasst.

    Manchmal stelle ich mir in meinen stillen Momenten, dass ich ein kleines Café führe, das gleichzeitig eine Art Bibliothek ist, Bücher zum vor-Ort-lesen aber auch kaufen, aber eigentlich bin ich so zufrieden mit meinem Jobs als ITlerin im Gesundheitswesen, dass es sicherlich eher nur ein netter Gedanke bleibt.

    • beautyjagd sagt am 24. April 2014

      Ach, das hört sich gar nicht langweilig an! Cool, dass Du ein halbes Jahr in den USA warst, und dann einen guten Job in deiner Wahlheimat gefunden hast 🙂 Überhaupt finde ich es toll, dass Du Deinen Beruf so gern machst, das habe ich Dir ja auch schon auf der Vivaness gesagt. Ich brauchte sichtlich ein wenig länger dafür, das richtige für mich zu finden *lach*

  10. Ranunkel sagt am 23. April 2014

    Eine sehr offener und ehrlicher Post und ich kann deine Gedanken gerade sehr gut nachvollziehen. Wenn ich Urlaub habe und anfange, zu entspannen und auch die Möglichkeit habe viel zu schlafen, träume ich sehr intensiv und ich erlebe viele Dinge aus meinem Leben erneut mit zum Teil ähnlichen oder auch veränderten Handlungen nach. Das passiert nicht jede Nacht sondern nur hin und wieder und wirklich fast immer nur, wenn ich ziemlich stressbefreit bin. Wenn ich aufwache bin ich oft traurig, dass ich diesen Traum und die Zeit, in die er mich zurückversetzt hat, nicht festhalten kann. Fast immer handeln die Träume von Situationen, in denen ich gehadert habe, ob ich die richtige Entscheidung getroffen habe. Anders als bei dir sind es aber fast immer Situationen, die mit Personen zu tun haben, die mal eine wichtige Rolle in meinem Leben gespielt haben als Dinge, die ich gerne getan hätte oder Länder, die ich gerne bereist hätte. Ich glaube, jeder Mensch hat da andere Schwerpunkte in seinem Leben.
    Mir geht es auch oft so, dass ich mich ärgere, als viel jüngere Frau bestimmte Gelegenheiten nicht für mich genutzt zu haben, weil mir der Mut fehlte. Aber Mut hat eben auch mit Reife zu tun und die kommt halt erst im Laufe des Lebens dazu. Ich fand Menschen, die schon sehr jung extreme und außergewöhnliche Ziele hatten immer auch ein wenig egoistisch und rastlos und sie haben mitunter anderen Mitmenschen sicher ungewollt wehgetan. Das kann man aber sicher nicht für alle Situationen verallgemeinern.

    • beautyjagd sagt am 24. April 2014

      Ich musste anscheinend auch erst reifen, bis ich mir traue, meine Träume umzusetzen. Schon allein deswegen mag ich es gern, älter zu werden und mich immer mehr zu entfalten. Und ich halte es für mich auch für wichtig, manchmal verpasste Gelegnheiten/Sachen zu betrauern, dann kann man sie besser abshcließen und sich neuen Dingen zuwenden.

  11. Petra hat das Thema brilliant auf den Punkt gebracht. „Hättiwari“ ist meiner Ansicht nach ein Symptom der Leistungsgesellschaft. Hat man denn auch wirklich all seinen Chancen genutzt, seine Begabungen gelebt, genug und vor allem das Richtige in sein Leben gepackt? Es entsteht dieser Druck, sein persönliches Optimum erreichen zu müssen oder aber man hat versagt. Dieses Bilanzziehen versuche ich mir gerade abzugewöhnen, denn ich wünsche kein Controlling aller Lebensbereiche. Ich schmiede nicht mehr ständig fordernde Pläne, sondern will zwischendurch einfach nur sein.

    • beautyjagd sagt am 24. April 2014

      Ah, als „Leistung“ hatte ich die Idee mit dem Toasting lustigerweise gar nicht gemeint, sondern ich hätte mich damals durchaus etwas altersgerechter verhalten und mehr „Unsinn“/Leichtigkeit wagen dürfen. Denn ich fühlte mich damals tatsächlich sehr unter Druck der Leistungsgesellschaft, und kann mich auch jetzt noch nicht davon frei sprechen *seufz* Das ist wirklich ein Lebensthema von mir!

    • So in diese Richtung denke ich auch gerade beim Lesen.
      Klar, einiges hätte spannender ausgehen können mit mehr Mut, vielleicht einiges sich auch ganz anders entwickeln können. Aber muss es das? Sollte es das?
      Zu der Zeit war es eine Entscheidung, genau das und nicht etwas anderes zu machen. Mich so und nicht anders zu entscheiden. Es waren immer kleine Entscheidungen, weniger die ganz großen, die mich Stück für Stück dahin gebracht haben, wo ich jetzt stehe.
      Ich stehe gut, wo ich jetzt bin. Mir fehlt nichts, ich bin glücklich.
      Das Eeine oder Andere hätte auch ganz anders ausgehen können, aber wäre das dann auch noch gut?

      Fragen, die ich nie beantworten kann. Mir reicht mein Hier und Jetzt. Ich habe auch nicht wirklich das Gefühl, etwas versäumt zu haben. Viel Unsinn habe ich angestellt in der Jugend, nichts schlimmes, aber im Nachinein war´s eine echt lustige Zeit. Von Antifa-Demos, Jugendbuch, riesige Zeltlager, um-die-Häuser-ziehen, spontane Partys mit Freunden bei Irgendwem in der Uni-WG. War toll. Hatte seine Zeit. Ist vorbei.

      Jede Entscheidung hatte ihr Recht mich zu formen. Ich bin zufrieden damit.

      • beautyjagd sagt am 25. April 2014

        Ich halte mich auch nicht zu viel mir „hätte… wäre….wenn“ auf – ich versuche aber ein wenig zu ergründen, was meine damaligen Beweggründe waren, mich so oder so zu verhalten. Und wie diese Muster jetzt auf mein Leben wirken (oder nicht mehr). Ich finde es super, dass Du so im Reinen mit Dir bist, das hört sich für mich danach an, dass Du meist genau das machst, wie es passt 🙂

  12. Annamo sagt am 24. April 2014

    Das ist ein toller, persönlicher Post und auch die Kommentare zu lesen macht großen Spass!
    Ich musste sehr viel nicken, als ich gelsen hab, dass du, Julie, dir wünschen würdest, mit Anfang 20 mehr „Dummheiten“ gemacht zu haben (ist das jetzt grammatikalisch korrekt??)- dem kann ich mich nur anschließen. Meinen Sicherheitsfanatismus von damals konnte ich etwas ablegen, oder zumindest abmildern, aber rückblickend hab ich das Gefühl, dass ich direkt nach dem Abi noch so grün hinter den Ohren war wie man nur sein kann und mich von Zweiflern schnell hab beeinflussen lassen.
    Seit meiner Kindheit hab ich davon geträumt, Medizin zu studieren und war mir auch sehr lange sicher, es noch als alte Frau zu bereuen, es nicht getan zu haben. Wenn ich mir die Arbeitsbedingungen von Ärzten heute allerdings anschaue, ist die Reue schon gar nicht mehr ganz so groß.
    Je älter ich werde, desto mehr sind mir Erwartungshaltungen von wem auch immer, Dinge auf eine ganz bestimmte Art und Weise oder perfekt zu machen, ziemlich egal. Ein schönes Gefühl 🙂

    • beautyjagd sagt am 25. April 2014

      Ich genieße es auch sehr, älter zu sein – schon weil ich mich nicht mehr so schnell beeidnrucken oder beeinflussen lasse. dadurch fällt es mir auch viel leichter, bei meiner Linie zu bleiben 🙂

  13. Petra sagt am 24. April 2014

    Ist es nicht eher so, dass einem in jungen Jahren unheimlich wichtig ist, was andere über einen denken – à l’extrème in der Pubertät? Und dass man da auch das Bedürfnis hat, seine Ansichten fast schon missionarisch zu vertreten und zu verbreiten?

    Mit dem Alter bin zumindest ich mir selbst und auch anderen gegenüber wesentlich offener und entspannter geworden. Und was andere darüber denken, wie ich bin, was ich denke und tue, geht mir heute eine Handbreit unter’m Kiel.

    Etwas Altersmilde ist gar nicht so verkehrt und erleichtert das Leben doch sehr 😉

    • beautyjagd sagt am 25. April 2014

      Ja, in der Pubertät ist man so sehr mit Identifaktionssuche beschäftigt, da muss man Dinge ienfach ablehnen, um herauszufinden und darzustellen, wer man ist. Ich mag meine Altersmilde auch sehr und freue mich auf noch mehr zukünftige Einsichten.

  14. So, jetzt komme ich so nach und nach endlich dazu, mein versäumte Oster-Lektüre nachzuholen. 🙂

    Dein Post spricht mir aus der Seele. Ich bin ein ziemlich sicherheitsbedachter Mensch, der sich oft nur sehr zögerlich für (scheinbar?) unsichere Optionen entscheidet bzw. Optionen oft gar nicht erst ernthaft in Betracht zieht. Dadurch habe ich einige meiner Träume bislang nicht verwirklicht. Andererseits aber dann doch: ein großer Traum von mir war schon von kleinauf, mal in einem Buchladen zu arbeiten. Das habe ich neben dem Studium dann auch 6 Jahre machen können und es war großartig. Bei meiner Studienwahl hätte ich vielleicht etwas „mutiger“ sein können, andererseits bin ich mit dem ganzen drumrum, so wie es jetzt ist, sehr zufrieden, vor allem im Privaten – und das hätte sich ohne die ganzen Entscheidungen ja so nicht ergeben. Das Berufliche dreht sich hoffentlich irgendwann auch noch in eine Richtung, die mich voll und ganz ausfüllt. Dein Post lässt mich hoffen, dass auch ich mein „Angstkorsett“ eines Tages noch stärker ablegen werde bzw. mutiger in meinen Entscheidungen werde.

    Liebe Grüße,
    Ida

    • beautyjagd sagt am 25. April 2014

      Optionen gar nicht erst in Betracht zu ziehen, das kenne ich nur zu gut! Und genau da habe ich letztlich in den letzten Jahren angesetzt, ich habe mir rational überlegt, was denn tatsächlich passieren könnte, wenn ich mal einen Schritt abseits gehe. Alles ist längst nicht so schlimm wie gedacht, sogar viel besser! Um das rauszufinden, dazu musste ich aber tatsächlich erst älter werden *lach* Und ich bin immer noch ständig am Lernen.

Kommentare sind geschlossen.